251 sowjetische und 55 französische Menschen in der Sternwoll-Spinnerei als Zwangsarbeiterinnen (1942-1945)

Titel & Krüger hatte am 20. November 1941 die Baugenehmigung für den Bau von drei Baracken “zur Unterbringung ausländischer Arbeiter” in der Brahmsstraße 73-75 erhalten. In der Sternwoll-Spinnerei sollten Granaten für Hitlers Krieg produziert werden. Wann genau die Baracken fertig waren, kann man heute nicht mehr sagen. Neue Unterlagen lassen aber vermuten, dass sie  zwischen November 1941 und Februar 1942 fertig gestellt wurden. 

Französische Zivilarbeiterinnen

Am 3. Februar 1942 wurden die ersten “französischen Zivilarbeiterinnen” im Lager untergebracht. In den folgenden Monaten waren bis 20. Juni 1942 insgesamt 43 von ihnen angekommen. Die meisten waren aber bis August 1942 wieder nach Frankreich zurückgekehrt. 1943 wurden noch einmal französische Zivilarbeiterinnnen und einige französische Kriegsgefangene aus Lagern in Hamburg hierher verlegt. Aber auch sie kehrten alle wieder nach Frankreich zurück. Am 13. Februar 1945 wurden fünf Franzosen aus dem Zwangsarbeiterlagers der Horner Landstraße in die Brahmsstraße 75 deportiert. Insgesamt waren 55 französische Menschen in dem Lager in der Sternwoll-Spinnerei. Fünf bis zur Befreiung im Mai 1945.

Ungarn, Finnland und Belgien

Eine ungarische Arbeiterin aus Frankreich wurde im Oktober 1942 ins Zwangsarbeitslager in der Gefionstraße 1-3, einem Firmenlager von Lehmann & Michels (deren Lager-Standort war bisher nicht bekannt) verlegt. Ein finnischer Zwangsarbeiter, der einst in der Sowjetunion lebte, kam am 16. August 1942 ins Lager. Eine Belgierin musste seit dem 17. März 1943 hier arbeiten. Beide erlebten ihre Befreiung im Mai 1945 in Hamburg.

Sowjetische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter

Aus dem Zeitpunkt des Einsatzes der Zwangsarbeiterinnen kann man auch etwas über die Rahmenbedingungen und die politischen Zusammenhängen sagen. 1941 waren die Nazis noch davon überzeugt, dass sie nach dem begonnen Krieg gegen die Sowjetunion am 21. Juni 1941 die „Bolschewiken“ überrennen werden. Kein Gedanke war, dass man aus dem überfallenen Land Arbeitskräfte benötigt. Doch der Verlauf des Krieges und der Einberufung deutscher Männer, änderte auch die Lage zu Hause.

Bezogen auf die sowjetischen Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter, die seit Mai 1943 auch auf in die Brahmsstraße 75 verschleppt wurden, hatte Göring am 26. Februar 1942 den „Allgemeine Bestimmungen über Anwerbungen und Einsatz aus dem Osten“ veranlasst. Es wurde die diffuse Angst vor der „bolschewistischen Hetze“, Sabotage und Zersetzung verbreitet. „Sie wurden von der NS-Propaganda als wilde und primitive ‚Untermenschen‘ dargestellt und mit schärfsten, unterdrückenden Behandlungsvorschriften belegt.“‘(S.302). So waren die Barackenlager mit einer „zweckentsprechenden, möglichst mit Stacheldraht versehene Umzäunung“ zu versehen (Allgemeiner Erlass vom 20. Februar 1942). Dazu gehörte später noch die Anweisung, dass sie sichtbar „OST“ an den Arbeitsklamotten zu tragen hätten. 

Friederike Littmann schreibt über diese Anwerbungen: „Ähnlich wie in Polen erhalten Berichte immer wieder die gnadenlose Menschenjagd ein besonderes Gewicht, bei denen kein Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen gemacht wurde, bei denen Mütter mit Kleinkindern ebenso verschleppt wurden wie Schwangere, Kranke oder ältere Menschen.“‘(S.301) 

Ab dem 17. Mai 1942 kamen die ersten sowjetischen Zwangsarbeiter ins Zwangsarbeitslager in die Brahmsstraße 75. Bis 1945 wurden insgesamt 251 sowjetische Menschen, 166 Frauen, im bewachten Lager einkaserniert, in der Sternwoll-Spinnerei zur Arbeit gezwungen oder lebten als kleine Kindern hinter dem Stacheldraht. Bis 1943 waren die meisten sowjetischen Zwangsarbeiterinnen aus den besetzten Gebieten nach Deutschland verschleppt worden. Eine weitere große Gruppe kamen am 16. und 17. November 1944 vom Lager im Überseeheim in die Sternwolle-Spinnerei, d.h. sie waren vorher nach Hamburg verschleppt worden oder Kriegsgefangene. Die letzte Einweisung in die Brahmsstraße 75 erfolgte am 9. Februar 1945: Ivan Kolosowski und Aleskza Bugaew. Die sowjetischen Menschen mussten alle bis Mai 1945 auf ihre Befreiung warten. Zwei von ihnen wurden in der gesamten Zeit in das Lager in der benachbarten Brahmsstraße 69 und ins Lager am Querkamp verschoben.

Flucht und Gegenwehr

Quelle für drei Hausmeldekarteien: Staatsarchiv Hamburg
332-8_A 51/1 741-4 K 2580

Die sowjetischen Gefangenen ertrugen ihr Schicksal nicht, dass belegen die jetzt gefundenen Unterlagen. Immer wieder flüchteten welche. Dasja Moskowez und Polja Staritschenko waren die ersten, die am 24. August 1942 als „flüchtig“ vermerkt wurden. Im März und August 1943 flohen noch einmal fünf sowjetische Arbeiterinnen und Arbeitern. Insgesamt wurden auch fünf der Insassen von ihnen von der Gestapo „abgeführt“. Was aus ihnen wurde, konnte nicht festgestellt werden.

Im Zwangsarbeitslager in der Brahmsstraße 75 waren sehr viele Kinder und junge Menschen bis 12 Jahre. Zwischen 4 – 12 Jahren waren es insgesamt 11 junge Menschen. Einer von ihnen, Nikoley Kiba, war im Rahmen des Besuchsprogramm des Hamburger Senats 2007 noch einmal in der Sternwoll-Spinnerei. 15 Kinder von 1 – 3 Jahren waren ebenfalls im Barackenlager. Drei der Kleinstkinder überlebten nicht.

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